Hintergrund

Aktuelles & Bilder

19.12.2016

Gesegnete Weihnachten und einen guten Jahreswechsel!

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Am 31.12.2016 beendet der Hauptbereich 1 die Trägerschaft für „Kirche stärkt Demokratie“. Fünf Jahre war das Projekt im Bereich „Schulkooperative Arbeit/ TEO“ angesiedelt. Fünf Jahre, die mit vielen Begegnungen und Erlebnissen erfüllt waren. Ich denke unter anderem an unsere drei Durchgänge der Modularen Fortbildung „Kirche kann Demokratie“, das „TEO-ODER“-Projekt oder die Kooperationsprojekte „Starke Stücke“ und das Forum „Kirche und Rechtsextremismus in Norddeutschland“. Viele Menschen haben dazu beigetragen, dass das Projekt erfolgreich arbeitet und Wirkung entfaltet. Neben den Zuwendungsgebern im Bundesministerium des Innern und der Bundeszentrale für politische Bildung sind da vor allem die Projektmitarbeiterinnen Nicole Diehn, Anne-Dore Schulz und Antje Augustin zu nennen, die in den letzten fünf Jahren unsere Veranstaltungen organisiert, begleitet und abgerechnet haben, die Verwendungsnachweise erstellten und dafür sorgten, dass alles seine Ordnung hatte. DANKE! Viele Anstöße, Korrekturen und Entwicklungen wären ohne das projektbegleitende Coaching von Frau Doris Pleiger und Camino Berlin nicht umgesetzt worden. Danke für die verlässliche und strukturierte Beratung!

Danken möchte ich den Kolleg_innen aus anderen „Zusammenhalt-durch-Teilhabe“-Projekten, mit denen immer ein kollegialer Austausch möglich und wichtig war. Das gilt ebenso für die zahlreichen Kooperationspartner_innen, ohne die manches Vorhaben nicht umzusetzen gewesen wäre. Stellvertretend für die vielen nenne ich hier: die Landeszentrale für politische Bildung MV, die Regionalzentren für demokratische Kultur MV, die Evangelische Akademie der Nordkirche, die Kirchenkreise Mecklenburg und Pommern, die Hauptbereiche 2 und 4 der Nordkirche, die Bundesarbeitsgemeinschaft „Kirche und Rechtsextremismus“ und das ARGO-Team Berlin. Letzterem ist es zu verdanken, dass unsere Modulare Fortbildung der letzten drei Jahre so erfolgreich war und Menschen unterschiedlichster Hintergründe zusammengebracht und dazu beigetragen hat, qualifizierten Multiplikator_innen zu haben. Die Begegnungen mit den vielen engagierten Menschen, den Ehrenamtlichen bei TEO, den Fortbildungsteilnehmer_innen, den interessierten Haupt- und Ehrenamtlichen in den Kirchengemeinden haben das Projekt ausgemacht und weiter entwickelt, so dass es jetzt wohl geordnet in die Hände des Zentrums Kirchlicher Dienste des Kirchenkreises Mecklenburg übergehen kann. Mit Arne Kühn werde ich ab März 2017 in Pommern einen kompetenten Partner und Mitstreiter haben, so dass wir die neuen Herausforderungen, die sich durch zunehmenden Rechtspopulismus und Rassismus auf der einen und der Stärkung und dem Austausch für die Menschen, die für eine solidarische und offene Gesellschaft streiten auf der anderen Seite, gemeinsam angehen können. Wir hoffen, Anfang des neuen Jahres wieder frisch am Start zu sein und sind dann, wenn alles eingerichtet ist, unter folgender Adresse erreichbar: „Kirche stärkt Demokratie“ c/o Landeskirchenamt, Münzstr.8-10, 19055 Schwerin, Mail: karl-georg.ohse@elkm.de Internet: www.kirche-demokratie.de Ich wünsche Ihnen und euch in diesen unruhigen und bewegten Zeiten, dass Ihnen und euch Zeit für das Wesentliche bleibt.

Bleiben Sie behütet und seid herzlich gegrüßt

Ihr / euer Karl-Georg Ohse

12.12.2016

Modulare Fortbildung „Kirche kann Demokratie IV“

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Angesichts zunehmender Polarisierungen und aktueller Herausforderungen sollten sich Christinnen und Christen über ihren theologischen und politischen Standort vergewissern, ihre kommunikativen und kooperativen Kompetenzen erweitern und durch den gegenseitigen Austausch bestärken und vernetzen. Dieses Ziel verfolgt die Fortbildung „Kirche kann Demokratie“.
Nach drei erfolgreichen Durchgängen beginnt am 24. März 2017 der neue Durchgang der Fortbildungsreihe „Kirche kann Demokratie!“. An fünf Wochenenden sind interessierte Ehren- und Hauptamtliche eingeladen, sich zu „Demokratieberater_innen“ zu qualifizieren.  Zur Ausbildung gehört auch eine Bildungsfahrt, die 2017 nach Stettin führen wird.

Die Demokratieberater_innen bilden ein Netz von kompetenten Menschen,  die sich aktiv in kirchliche und kommunale Belange einmischen und kompetent ihren Beitrag zu Konflikten um Zuwanderung und das demokratische Zusammenleben vor Ort leisten können.
Die Fortbildung wird aus dem Bundesprogramm „Zusammenhalt durch Teilhabe“ finanziert. Dadurch fallen für die Teilnehmer_innen lediglich Fahrtkosten an. Die Teilnehmer_innen erhalten nach absolvierter Ausbildung ein Zertifikat.
Das erste Modul findet im Ferienpark „Plauer See“  in Alt Schwerin statt. Es beginnt am Freitagnachmittag und endet am Sonntagnachmittag. Die anderen Module finden von Freitag- bis Sonnabendnachmittag statt.

Kosten: nur Fahrkosten
Leitung: Karl-Georg Ohse; „Kirche stärkt Demokratie“ und das ARGO-Team Berlin

Termine 2017:
Modul 1: 24.-26. März 2017
Modul 2: 19.-20. Mai 2017
Modul 3: 14.-16. Juli 2017, Bildungsfahrt Stettin
Modul 4: 15.-16. September 2017
Modul 5: 13.-14. Oktober 2017

Nähere Informationen und die Anmeldung finden Sie unter: www.teo-kist.de /termine_anmeldung/index.html

08.12.2016

Neue Sudie: "Gespaltene Mitte - Feindselige Zustände": Welche Normen gelten noch?

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War die sprichwörtliche "Mitte der Gesellschaft" nach Analyse der Wissenschaftler_innen des Instituts für Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) vor zwei Jahren noch "fragil", sehen sie sie nur als "gespalten" an. Grundwerte erodieren, extreme Meinungen nehmen zu und Abwertungen von Gruppen stablisieren sich auf hohem Niveau - besonders die Feindlichkeit gegenüber Geflüchteten. Was denkt Deutschland in Zeiten von Pegida und AfD? Am Montag wurde die neue Studie "Gespaltene Mitte - Feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2016" in Berlin vorgestellt. Erforscht wurde erstmals auch die Verbreitung neurechter Einstellungen.

Von Simone Rafael von Netz gegen Nazis

Alle zwei Jahre erhebt das Instituts für Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) Bielefeld im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung, wie weit rechtsexterme, rechtspopulistische und, seit 2016, auch neurechte Einstellungen in der Bevölkerung in Deutschland verbreitet sind. Dabei geht es um die Faktoren gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit wie Rassismus, Antisemitismus und Sexismus ebenso wie um Elitenschelte und den Wunsch nach aggressivem Nationalismus oder  Abwertung von Langzeitarbeitslosen aus Nützlichkeitsfixierung. Bei einer Pressekonferenz in Berlin stellten die Wissenschaftler_innen um die Professor_innen Anderas Zick und Beate Küpper nun die Ergebnisse ihrer repräsentativen telefonischen Befragung von 2016 vor, die am heutigen 21.11.2016 auch in Buchform erscheinen oder als pdf zum Download bereit stehen.

Andreas Zick konstatierte diesmal, dass die Gesellschaft in Deutschland sich aktuell als gespalten erlebt und darstellt. Grundwerte werden in Frage gestellt und erodieren. Die Gesellschaft polarisiert sich, das heißt, extreme Meinungen nehmen zu, während es immer weniger Aussagen in einem abwägenden Mittelfeld gibt. Parallel entwickeln sich politische Extreme - auch, weil sich rechte Teile des Meinungsspektrum in radikaler Distanz zum Rest der Gesellschaft, als "System" verunglimpft, verstehen. Gleichzeitig stabilisieren sich die Zustimmungsraten zu Abwertungen wie Rassismus, Sexismus oder Etabliertenvorrechten - ein Zeichen dafür, dass hier auch Normen diskreditiert und zur Disposition gestellt werden. Dazu ist eine Fragmentierung sozialer Gruppen zu erleben - Menschen bewegen sich zunehmend in homogenen Umfeldern, die zu ihrer eigenen Meinung und Einstellung passen, es herrscht zwischen verschiedenen (politischen) Szenen immer weniger Durchlässigkeit.

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit

Zustimmung zu

  •     Rassismus -> 8,7 %
  •     Fremdenfeindlichkeit ->19,0 %
  •     Sexismus -> 8,7 %
  •     "Klassischer" Antisemitismus -> 5,8 % (wobei Items zu "modernem" Antisemitismus Zustimmungsraten von bis zu 25 % hatten)
  •     Muslimfeindlichkeit -> 18,3 %
  •     Abwertung von Sinti und Roma -> 24,9 %
  •     Abwertung asylsuchender Menschen -> 49,5 %
  •     Abwertung homosexueller Menschen -> 9,7 %
  •     Abwertung transsexueller Menschen -> 12,5 %
  •     Abwertung wohnungsloser Menschen -> 18,0 %
  •     Abwertung von Menschen mit Behinderungen -> 1,8 %
  •     Abwertung langzeitarbeitsloser Menschen -> 49,3 %
  •     Etabliertenvorrechte -> 38,8 %

In vielen Feldern zeigt sich die Gesellschaft zugleich unentschlossen und ambivalent. Während rund 56 % der Befragten der Aussage zustimmen, dass es gut ist, dass Deutschland viele Geflüchtete aufgenommen hat, fordern zugleich 38 % der Gefragten eine "Obergrenze", die wiederum 21 % vehement ablehnen. Deutlich stärker werden flüchtlingsfeindliche und auch rechtsextreme Einstellungen im Osten Deutschlands vertreten - hier hat sich die Zustimmung zur rechtsextremen Einstellungen gar verdoppelt (von 2,5 auf 5,9 % der Befragten). Deutlicher flüchtlingsfeindlich als der Durchschnitt sind auch AfD-Sympathisant_innen: Während bundesweit 40 % flüchtlingsfeindlichen Thesen zustimmen, sind es innerhalb der AfD 88 % - damit ist Flüchtlingsfeindlichkeit innerhalb des AfD-Kosmos praktisch keine Option mehr, sondern ein Norm.

Rechtsextreme Einstellungen

Bundesweit vertreten rund 3 % der Befragten rechtsextreme Einstellungen.

  •     Befürwortung einer Diktatur -> 3,6 %
  •     Chauvinismus-> 12,5 %
  •     Rassismus -> 7,7 %
  •     Antisemitismus -> 2,4 %
  •     Sozialdarwinismus -> 2,0 %
  •     Verharmlosung des Nationalsozialismus -> 2,0 %

Interessant ist, dies in den Zusammenhang mit einer Parteipräverenz für die AfD zu setzen. Dann sehen die Zahlen so aus:

  •     Befürwortung einer Diktatur ->  20,8 %
  •     Chauvinismus-> 47,0  %
  •     Rassismus -> 35,9 %
  •     Antisemitismus -> 10,4 %
  •     Sozialdarwinismus -> 9,4 %
  •     Verharmlosung des Nationalsozialismus -> 20,3 %


Rechtspopulistische Einstellungen

Erstaunlich ist: Die gesamtgesellschaftliche Zustimmung zu rechtspopulistischen Einstellungen ist seit 2014 praktisch gleich geblieben (20 %, 2014: 21 %).

    Rechtsgerichtetem Autoritarisums -> 50,2 %
    Demokratiemisstrauen -> 60 %
    Kollektive Wut (gegen Geflüchtete und Migranten) -> 16 %
    Gewaltbilligung -> gesamtgesellschaftlich 6 %, mit rechtspopulistischer Orientierung 11 %
    selbst zu Gewalt bereit -> gesamtgesellschaftlich 19 %, mit rechtspopulistischer Orientierung 31 %

Dafür ist innerhalb der Gruppe der AfD-Sympathisant_innen eine deutliche inhaltliche Radikalisierung zu erkennen, die alle Formen von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit umfasst, aber besonders sichtbar wird bei Rassismus (35,9 %) und Chauvinismus (47 %). Wer mit der AfD sympathisiert, stimmt auch vermehrt menschenfeindlichen und rechtsextremen Thesen zu.

Zustimmung zu:

  •     Rassismus -> 18,8 %
  •     Fremdenfeindlichkeit ->46,5 %
  •     Sexismus -> 15,1 %
  •     "Klassischer" Antisemitismus -> 15,2 %
  •     Muslimfeindlichkeit -> 43,5 %
  •     Abwertung von Sinti und Roma -> 46,6 %
  •     Abwertung asylsuchender Menschen -> 73,9 %
  •     Abwertung homosexueller Menschen -> 8,8 %
  •     Abwertung wohnungsloser Menschen -> 33,7 %
  •     Abwertung von Menschen mit Behinderungen -> 3,6 %
  •     Abwertung langzeitarbeitsloser Menschen -> 69,3 %
  •     Etabliertenvorrechte -> 61,6 %

Interssant auch eine Erhebung zu Demonstrationen: Rund 7 % der Befragten gaben an, sich vorstellen zu können, bei einer Demonstration gegen Zuwanderung teilzunehmen. Unter diesen gab es hohe Zustimmungsraten zu rechtsextremen Einstellungen - und zwar nicht nur zu Rassismus und Islamfeindlichkeit, sondern auch zur Befürwortung einer Diktatur oder zur Verharmlosung des Nationalsozialismus. Besonders hoch ausgeprägt ist in dieser Gruppe auch das Misstrauen gegenüber der Demokratie als solches sowie eine hohe Gewaltbereitschaft - 43 % diese Befragten fanden Gewalt als Mittel zumindest manchmal gerechtfertigt, das birgt Konfliktpotenzial. Bei Demonstrationen gegen Rassismus konnten sich übrigens 45 % der Befragten vorstellen, mitzulaufen. Die Gewaltbereitschaft liegt in dieser Gruppe bei 15 %.

Erstmals in der Umfrage 2016 erhoben wurden Einstellungen aus den Argumentationen der "Neuen Rechten", des sich intellektuell gebenden Arms des Rechtsextremismus, der zunehmend Zuspruch von rechtsextremer bis rechtskonservativer Szene erhält. Insgesamt 28 % der Befragten stimmen neurechten Thesen zu, innerhalb der AfD-Sympathisant_innen waren es sogar 84 %.  Abgefragt wurden:

  •     Anti-Establishment-Einstellungen ("Politik betrügt Volk") -> 28 %
  •     Behauptung eines Meinungsdiktats ("Man darf nicht sagen, was man denkt") -> 28 %
  •     Behauptung einer "Islamverschwörung" ("Islam" "unterwandert" Deutschland) -> 40 %
  •     Anti-EU-Diskurse -> 19 %
  •     Aufruf zum Widerstand gegen aktuelle Politik -> 29 %

Auch der Zusammenhang zum Rechtsextremismus ist auf Einstellungsebene deutlich: Diejenigen, die neurechten Thesen zustimmen, stimmen auch überdurchschnittlich oft rechtsextremen Thesen zu.

Immerhin, so stellte Andreas Zick abschließend fest, finden 84 % der Befragten auch, dass die Demokratie in Deutschland gut funktioniere - wenn auch 33 % die Sorge äußerten, "deutsche Kultur" gehe durch Zuwanderung verloren. Es gebe eine hohe Sensibilisierung gegenüber Ausgrenzung - so wollten die meisten Menschen nicht abwertend sein, selbst, wenn sie es sind.  Kontakt mit einer der Gruppen, etwas mit Geflüchteten, reduziert die Vorurteile und den Hass deutlich. Und wegen Angriffen auf Geflüchtete empfinden weite Teile der Bevölkerung Scham. Und der "kleinen, verhärteten protestbereiten Gruppe", die die Demokratie und ihre Werte ablehne, stehe eine breite demokratische Mitte gegenüber, die für Gleichwertigkeit und Demokratie eintritt und Gewalt ablehnt.